rhiz wien
contemporary underground

JADE: Donnerstagnächte voller Klangexperimente in der Sala Endanza

JADE und ZEMOS98: Ein natürlicher Raum für Klangexperimente

Unter dem Dach von ZEMOS98 entwickelt sich die Donnerstagnacht in der Sala Endanza zum „natürlichen Raum für Experimente“. Das Projekt JADE knüpft dort an, wo klassische Konzertformate aufhören: an der Schwelle zwischen performativer Kunst, Clubkultur und radikaler Klangforschung. Statt starrer Setlists und klar getrennter Rollen zwischen Bühne und Publikum entsteht ein offenes Labor, in dem Zuhörerinnen und Zuhörer Teil des Prozesses werden.

Die Abende von JADE folgen keiner linearen Dramaturgie. Übergänge sind fließend, Improvisation ist Programm. Wer hierherkommt, sucht nicht nur Unterhaltung, sondern die Erfahrung, Klang als physische, räumliche und emotionale Kraft neu zu entdecken.

Ein reichhaltiges Line-up: Klangkünstler im Fokus

Das aktuelle Programm von JADE bringt eine Reihe von Künstlern zusammen, die alle auf ihre Weise die Grenzen von Musik und Geräusch verschieben. Die kuratierte Auswahl zeigt, wie vielfältig experimentelle Elektronik heute ist – von abstrakter Rhythmik über dunkle Atmosphären bis hin zu feingliedrigen, fast skulpturalen Soundstrukturen.

Im Zentrum stehen in dieser Saison besonders drei Namen: Raz Mesinai, DJ Amsia und Pita. Ihre Auftritte ergänzen sich zu einem Klangpanorama, das unterschiedliche Traditionen, Szenen und Techniken miteinander verknüpft und zugleich eine gemeinsame Vision verfolgt: Klang als bewegliches Material zu begreifen.

Raz Mesinai: Architekt dunkler Klangräume

Raz Mesinai gilt als einer der spannendsten Architekten düsterer Klanglandschaften. Seine Arbeit balanciert zwischen Dub, experimenteller Elektronik und Sounddesign für Film. Charakteristisch ist sein Umgang mit Raum: Klänge scheinen sich im Dunkel zu verlieren, tauchen unerwartet an anderen akustischen „Orten“ wieder auf und bilden so eine Art auditives Labyrinth.

In der Sala Endanza trifft diese räumliche Qualität auf einen Ort, der selbst performative Geschichte atmet. Die akustischen Eigenheiten des Saals werden in Mesinais Live-Sets nicht kaschiert, sondern verstärkt. Hallfahnen, Resonanzen und zufällige Nebengeräusche fließen in eine Komposition ein, die sich nur an diesem einen Abend, in diesem einen Raum in genau dieser Form ereignen kann.

DJ Amsia: Zwischen Clubästhetik und abstraktem Experiment

DJ Amsia verbindet die Energie des Dancefloors mit der Offenheit freier Improvisation. Rhythmen tauchen auf, zerbrechen und setzen sich auf unerwartete Weise neu zusammen. Statt klarer Drops und vorhersehbarer Steigerungen dominiert ein Spiel mit Erwartung und Irritation, das das Publikum immer wieder neu positioniert.

Besonders spannend ist, wie DJ Amsia Klangreferenzen aus verschiedenen Szenen – von Techno über Bass Music bis hin zu Noise – andeutet, sie aber nie vollständig auflöst. So entsteht ein hybrider Sound, der ebenso gut in einen Club wie in einen Blackbox-Theaterraum passt. Im Kontext von JADE wird dieses Spannungsfeld bewusst ausgereizt: Man hört Clubmusik an einem Ort, an dem normalerweise Tanz, Performance oder Theater dominieren – und genau daraus entsteht die Reibung, die den Abend antreibt.

Pita: Reduktion, Störung und der Reiz des Unberechenbaren

Pita steht für eine radikalere, oftmals minimalistische Herangehensweise an elektronische Klangkunst. Kleine Verschiebungen im Frequenzspektrum, dezent modulierte Störgeräusche und eine bewusste Arbeit mit Stille formen ein Klangbild, das Konzentration verlangt und mitunter das Ohr herausfordert. Doch gerade in dieser Strenge liegt eine besondere Intensität.

Live entfalten Pitas Sets eine Spannung zwischen Kontrolle und Kontrollverlust. Feedback-Schleifen, digitale Artefakte und fein austarierte Lautstärkeschwankungen erzeugen das Gefühl, einem System beim Denken zuzuhören. Im Rahmen von JADE wird daraus eine Art akustische Performance: Das Publikum erlebt, wie Klang nicht nur gespielt, sondern fortlaufend verhandelt wird.

Die Sala Endanza als Labor: Raum, Körper und Klang

Die besondere Atmosphäre der Sala Endanza prägt das Projekt JADE maßgeblich. Der Raum ist nicht bloße Hülle, sondern aktiver Mitspieler. Unterschiedliche Set-ups – vom frontalen Bühnenaufbau bis zu kreisförmigen oder fragmentierten Anordnungen – verschieben immer wieder die Wahrnehmung: Mal steht der Körper im Zentrum, mal das Gefühl, von Klang umgeben zu sein.

Dadurch entsteht eine fließende Grenze zwischen Bühne und Zuschauerraum. Besucherinnen und Besucher bewegen sich, wechseln Positionen, hören aus verschiedenen Perspektiven. Licht, Dunkelheit und punktuelle Projektionen fügen sich in ein Gesamtbild, das eher einem immersiven Environment als einem klassischen Konzert ähnelt.

JADE als Teil einer lebendigen experimentellen Szene

Mit seinem Programm zeigt JADE, dass experimentelle Klangkunst längst nicht mehr in Nischenräumen verharrt. Sie vernetzt sich mit Clubkultur, zeitgenössischer Kunst und digitalen Medien. Kooperationen, temporäre Kollektive und internationale Gäste machen die Donnerstagnächte zu einem Treffpunkt für eine Szene, die sich ständig neu erfindet.

Die Auswahl von Künstlern wie Raz Mesinai, DJ Amsia und Pita verdeutlicht, dass es hier nicht um ein einheitliches Stilideal geht, sondern um Offenheit: um die Bereitschaft, Hörgewohnheiten zu hinterfragen, technische Mittel kreativ zu missbrauchen und den Status quo von „Musik“ und „Performance“ neu auszuhandeln.

Warum sich ein Besuch bei JADE lohnt

Wer JADE besucht, sollte nicht nach bekannten Hits oder vorhersehbaren Strukturen suchen. Stattdessen bietet sich die Gelegenheit, Klang als Erlebnisfeld zu begreifen – mit Momenten der Irritation, aber auch mit Phasen tiefer Konzentration und überraschender Schönheit. Jeder Abend ist anders, weil Improvisation, Raumakustik und die Reaktionen des Publikums unmittelbar in die Performance einfließen.

Für neugierige Hörerinnen und Hörer, für Menschen aus der Tanz- und Theaterszene, aber auch für technikaffine Produzentinnen und Produzenten ist JADE ein Ort, an dem man Inspiration sammeln und neue Formen der Zusammenarbeit entdecken kann. Die Donnerstagnacht wird so zu einem ritualisierten Experimentierfeld, das immer wieder von vorne beginnt – mit offenem Ausgang.

Wer eine Reise zu den Donnerstagnächten von JADE plant, verbindet das Erlebnis häufig mit einem Aufenthalt in einem Hotel in der Nähe der Sala Endanza. Nach Stunden intensiver Klangexperimente, tief wummernder Bässe oder fast meditativer Stille ist es ein besonderer Luxus, in ein ruhiges Zimmer zurückzukehren, die Eindrücke nachklingen zu lassen und vielleicht noch im Kopf die Set-Struktur von DJ Amsia oder die dichten Soundräume von Raz Mesinai zu rekonstruieren. Viele Gäste wählen bewusst Unterkünfte, die einen Kontrast zur sensorischen Überflutung bieten: schlichte, gut gedämmte Zimmer, vielleicht ein Blick über die Stadt bei Nacht – und die Gewissheit, dass man am nächsten Morgen erholt und mit frischen Ohren in das nächste Kapitel der experimentellen Klangwelt von JADE eintauchen kann.